Lesen als Sabotage am Text

Der Akt des Lesens ist ein zentrales Element im Denken der Philosophin Simone Weil. Einen Text zu lesen, heißt immer auch, ihn zu verändern – und damit seinen ursprünglichen Sinn zu entstellen. Der Unmöglichkeit des Nicht-Lesens wiederum lässt sich nur eine möglichst große Anzahl sich gegenseitig überlagernder Lesarten entgegenstellen. In diesem Sinne haben Martina Bengert, Thomas Sojer und Max Walther vom Simone-Weil-Denkkollektiv einen experimentellen Aufsatz erarbeitet, der diese vielfältigen Lektüren an einem beispielhaften “Sakraltext” nachzuvollziehen versucht. Der Künstler Thomas Hirschhorn kommentierte den Text wiederum mit “Kritzeleien”. Erkenntnisleitend war dabei auch Shulamit Brucksteins Idee des “Talmud-Denkens”. Mit Unterstützung der Simone-Weil-Stiftung konnte der Text in Übersetzung in der türkischen Kunst-und Kulturzeitschrift ArtUnlimited erscheinen.

Theologische Ethik und Rassismuskritik

Das Werk des US-amerikanischen Theologen und Philosophen Reinhold Niebuhr (18921971) wird von der heutigen Theologie seit einiger Zeit mit erneutem Interesse gelesen und auf Impulse für die sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts geprüft. Dennoch wurde es in der deutschsprachigen Forschung trotz einem allgemein großen Interesse an politisch anschlussfähiger public theology bislang nur wenig rezipiert. Diese Lücke möchte Dominik Gautier mit seiner Forschungsarbeit über “Die Ambivalenz des Realismus. Reinhold Niebuhrs theologische Ethik in rassismuskritischer Perspektive” schließen. Darin zeigt er unter anderem auch die Ambivalenz, die sich zum Teil zwischen Niebuhrs theoretischen Einsichten und seinem realen Verhältnis zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung feststellen lässt. Die Simone-Weil-Stiftung unterstützt die Publikation der Dissertationsschrift.

Islamische und christliche Mystik

Mystische Erfahrungen sind ein Phänomen, das in vielen Kulturen und Traditionen belegt ist. In ihrer Arbeit “Das Wirken und die Be/Deutung islamischer und christlicher Mystiker*innen des Mittelalters am Beispiel des Lebens und Werks Franz von Assisi – von interkulturellen Begegnungen zu interreligiösen Inspirationen” geht Deniz Korkmaz dieser interreligiösen Parallele nach. Ein wichtiger Aspekt ist dabei das Potenzial von Frieden und Verständigung des mystischen Erlebens, das über die Grenzen von Dogmatik und Orthodoxie hinausgeht. Im Zentrum der Betrachtung steht die Gestalt des Franz von Assisi, der im Christentum als Heiliger verehrt wird, und seine Begegnung mit dem Sultan al-Malik al-Kamil sowie die Gemeinsamkeiten, die zwischen seiner Spiritualität und der mystischen Tradition im Sufismus bestehen.

Afrikanische Kirchen als Träger sozialer Entwicklung

Eine klassische eurozentristische Perspektive sah das subsaharische Afrika in Sachen Religion lange Zeit fast ausschließlich als Missionsgebiet. Doch auch wenn europäische Kirchen in kolonialistisch und imperialistisch geprägten Epochen großen Einfluss hatten und noch heute haben, sind afrikanische Gesellschaften bei weitem nicht nur Objekte einer von außen bewirkten Christianisierung. In Ihrer Abschlussarbeit zum Thema “African Initiated Churches (AICs) in Townships of South Africa” beschäftigt sich Nora Milena Vehling daher insbesondere mit kirchlichen Gemeinschaften, die von Einheimischen selbst gegründeten wurden. Ihre Fallstudie untersucht dabei im Einzelnen die südafrikanische Gilgal Bible Church und deren Position in den lokalen gesellschaftlichen Strukturen sowie ihr Potenzial als soziale Entität für eine nachhaltige Entwicklung.

Entwicklung, Religion und Ästhetik

Religiöse Bewegungen und Gemeinschaften werden in der Forschung zunehmend als wichtige Faktoren in der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft erkannt. Für ihre Abschlussarbeit zum Thema “Structured Experience: About the Relationship between Aesthetic and Religious Experience in the Context of Sustainable Development” hat sich Tamara Dauenhauer besonders mit zwei Freikirchen in Südafrika beschäftigt. Die Beschreibung, wie solche kirchlichen Akteure insbesondere durch die Vermittlung von Werten auf ihre Mitglieder einwirken, verbindet sie dabei mit der Frage nach der ästhetischen Repräsentation des gemeinschaftlichen Handelns.

Rechte und Pflichten der Menschheit bei Simone Weil

Edmund Husserl, der Mitbegründer der Phänomenologie, und Simone Weil, eine der originellsten Denkerinnen des frühen 20. Jahrhunderts, sind besonders für die heuristische und epistemologische Dimension ihrer Ideen bekannt. Doch auch ethisch und politisch enthalten ihre jeweiligen Schriften Ansätze von großer Tragweite. Manuela Massa vergleicht in ihrer Dissertation die Vostellungen, die Weil und Husserl vom menschlichen Gemeinwesen entwerfen und die Perspektiven, die sich dadurch auf das Menschen- und Völkerrecht ergeben. Die Simone-Weil-Stiftung unterstützt Frau Massas Teilnahme an der Konferenz “Rethinking the meaning of Political crisis: Simone Weil, Edith Stein, Rosa Luxemburg” an der Universität von Ontario und ihren Vortrag über Simone Weils Ethik menschlicher Rechte und Pflichten.

Pastorale Politikberatung

In ihrer Dissertation über “Pastorale Politikberatung: Religion, Macht und Moral im Spanien des 19. Jahrhunderts” untersucht die Geschichtswissenschaftlerin Britt Schlünz die Beziehung von Kirche und Staat im spanischen Kolonialreich unter Isabella II. (1833-1868). Im Fokus stehen dabei die seelsorgerischen Bemühungen einflussreicher kirchlicher Protagonisten wie Antonio María Claret und María del Patrocinio. Die Simone-Weil-Stiftung unterstützt die Promotion mit einem Reisekostenstipendium, um insbesondere Archivarbeiten in Kuba zu ermöglichen.

Gedenken und Vermitteln

Den Studierenden ihres Seminars möchten Carina Brancovic und Rebecca Hedenkamp Möglichkeiten zeigen, wie das anspruchsvolle Thema Holocaust im Schulunterricht und darüber hinaus didaktisch und pädagogisch angemessen präsentiert werden kann. Eine besondere Rolle spielt dabei auch die Reflexion von Erinnerungskultur, Ritualen des Gedenkens und Formen musealer Aufbereitung. Die Simone-Weil-Stiftung unterstützt die Exkursion des Seminars zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, um den Teilnehmern die Erfahrung einer persönlichen Auseinandersetzung mit einem der wichtigsten Erinnerungsorte der Geschichte zu ermöglichen.

Religionen und Minderheiten in Indien

In Kooperation mit dem United Theological College in Bangalore veranstaltet die Universität Oldenburg im März 2019 eine Winterschool zum Themenfeld Religiöse Minderheiten und Mehrheitsreligion(en) im indischen und deutschen Kontext. Hier begegnen sich Studierende und Lehrende beider Institutionen im Rahmen von gemeinsamen Seminaren, Workshops und Vorträgen. Das Projekt beinhaltet außerdem die Besichtigungen ausgewählter religiöser Stätten in Bangalore und Kerala. Als Stipendiatinnen der Simone-Weil-Stiftung nehmen Frau Isabel Reinmold und Frau Sarah Ponath an der Winterschool teil.

Buddhistische Bilderfahrzeuge

In ihrem Dissertationsprojekt untersucht Dolores Z. Bertschiger Zeugnisse tibetischer Wandmalerei in ihrer doppelten Bedeutung als Resultate und Träger religiöser und sozialer Tradierungsprozesse des tibetischen Buddhismus. In Anlehnung an Aby Warburgs Idee der Bilderfahrzeuge beschreibt sie dabei die Wandmalereien als kulturelle Praxis, die Prozesse der Überlieferung, der Homogenisierung und Ausdifferenzierung ermöglicht. Mit Unterstützung der Simone-Weil-Stiftung unternimmt Frau Bertschiger dazu Forschungsreisen zu wichtigen buddhistischen Kultstätten in Europa und Südasien.