Kassner, Rilke und Buddha

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es unter anderem im Deutschen Reich eine neu erblühende Begeisterung für die asiatischen Kulturen; besonders unter Künstlern und Intellektuellen. Der Philosoph Rudolf Kassner war einer jener Gelehrten, die selbst nach Indien und China reisten, um die dortigen Traditionen und Weltsichten besser zu verstehen. Von seinem Werk inspiriert, widmete wiederum der Schriftsteller Rainer Maria Rilke vor allem dem Buddhismus seine Gedanken, die unter anderem in mehrere Gedichte Einzug hielten. In einer interdisziplinär angelegten Studie an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin untersucht Kai Mertens die Werke beider Autoren, um die Bedeutung der Asienrezeption im philosophischen Denken Kassners besser zu verstehen und den Einfluss nachzuweisen, den sie wiederum auf das dichterische Werk Rilkes hatte. Die Simone-Weil-Stiftung unterstützt das Projekt in erster Linie mit der Übernahme von Reisekosten, um die notwendigen Archivstudien zu ermöglichen.

Religion und bewaffnete Konflikte

Die Rolle von Religionen in Kriegs- und Bürgerkriegssituationen wird seit langem kontrovers diskutiert. Selbst bei Konflikten zwischen religiös definierten Gruppen ist oft nicht offensichtlich, ob der jeweilige Glaube substanziell Hass und Gewalt hervorruft oder lediglich instrumentalisiert wird. In ihrer Forschungsarbeit über “Die Rolle von Religionen in bewaffneten Konflikten” geht Sarah Görlitz diesem Problem nach und fragt außerdem, welches positive Potenzial Religionen zur Überwindung von Feindschaft haben, und wie sie Menschen dabei helfen können, angesichts von Gewalt- und Verlusterfahrungen Resilienz und Vertrauen zu entwickeln. Die zeitgeschichtlichen Kontexte, die auf diese Aspekte hin befragt werden sollen, sind die bekannten Konfliktfelder von Nordirland, Israel/Palästina, Indien und Syrien. Die Simone-Weil-Stiftung unterstützt Frau Görlitz finanziell in der Abschlussphase ihres Forschungsprojekts im Rahmen der Global Studies an der Universität Göteborg.

Zum Tod Benedikts XVI.

“Im oberen Mittelfeld” verortet der Historiker Volker Reinhardt das Ponifikat Benedikts XVI. hinsichtlich seiner geschichtlichen Bedeutung in einem Interview mit DIE ZEIT. Der jüngst verstorbene Papst emeritus habe vor allem als Theologe gewirkt und sich bewusst gegen viele Aspekte des Zeitgeistes gestellt – ein geschickter medialer Auftritt sei dabei eher nicht seine Stärke gewesen. Reinhardt, der sich seit langem wissenschaftlich mit der Geschichte des Papsttums befasst, sieht in der Amtszeit Benedikts bis zu seinem Rücktritt vor allem viele historische Kontinuitäten: zu seinem Vorgänger Johannes Paul II., aber auch zur Selbstfindung der katholischen Kirche nach der Reformation und zum Reformpapsttum des Mittelalters. Für eine seriöse Bewertung des Pontifikats und vor allem seiner langfristigen Auswirkungen sei es jedoch noch bei weitem zu früh.

Wann wird die Theologie reformiert?

Die Notwendigkeit einer Studienreform stand auch beim jüngst zuende gegangenen evangelisch-katholischen Fakultätentag außer Frage. Durchgerungen hat man sich, so Professor Jörg Lauster in der Süddeutschen Zeitung, aber nur zu sehr zaghaften Schritten die Prüfungsordnung betreffend. Dabei wäre eine Erneuerung von Grund auf nötig, nicht zuletzt, um auch wieder zu höheren Studierendenzahlen zu kommen. Widerstände sieht Lauster vor allem in der akademischen Theologie selbst. Intransparente Auswahlverfahren bei Publikationen und Stellenvergaben schränkten Karrieremöglichkeiten ein. Notwendig und gerecht wäre es, gerade die junge Generation von Forschenden auch an den wichtigen Entscheidungen zu beteiligen, die vor allem Nachwuchswissenschaftler betreffen; etwa in der Herausgeberschaft akademischer Periodika und Reihen.

Arm trotz BAFöG

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die staatliche Ausbildungsförderung (BAFöG) immer weniger dazu beiträgt, den Lebensunterhalt von Studierenden zu sichern. Wie der Deutschlandfunk recherchiert hat, scheitern viele potenzielle Leistungsempfänger schon beim Antrag, wenn etwa die Eltern nicht ausreichend mit dem BAFöG-Amt kooperieren oder (unabhängig von ihren laufenden Kosten) keine Geringverdiener sind. Aber auch hohe Mieten an manchen Studienorten und allgemeine Teuerung können dazu führen, dass die finanzielle Unterstützung durch das BAFöG für Viele nicht ausreicht. Wer aber zusätzlich arbeiten muss, kann das Studium kaum in der Regelzeit absolvieren – und fällt so womöglich ausgerechnet kurz vor dem Abschluss aus der Förderung heraus. Experten schlagen daher vor, das System unbürokratischer, flexibler und elternunabhängiger aufzustellen.

Aktivismus vs. Wissenschaft

Oft waren und sind es vor allem staatliche Maßnahmen, die in autokratischen Systemen die Freiheit der Wissenschaft aus ideologischen Gründen einschränken. In liberalen Demokratien übernehmen dagegen immer öfter Aktivisten und Lobbygruppen diese Rolle. So sah sich zuletzt die Berliner Humboldt-Universität gezwungen, einen öffentlichen Vortrag nach angekündigten Protesten abzusagen, wie unter anderem der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung berichten. Die Biologin Marie-Luise Vollbrecht sollte zum Thema “Warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt” sprechen. Bereits in dieser Fragestellung sahen Kritiker jedoch offenbar einen Angriff auf die Rechte von Transpersonen. Andere Kommentatoren indes bezweifeln, ob eine solche Unterdrückung der Freiheit von Forschung, Lehre, Meinungsäußerung und Information dem eigentlichen Anliegen queerer Menschen hilft. Anstatt im Diskurs die Bildung eines gesellschaftlichen Konsenses zu befördern, könnte so gerade die Polarisierung der Debatte verstärkt werden.

Schmähplastik vor Gericht

In Spätmittelalter und Früher Neuzeit waren Sie weit verbreitet: Symbolische Darstellungen an und in Kirchengebäuden, die in teils drastischer Bildsprache gegen das Judentum hetzten. Die heutigen Christen tun sich schwer mit ihnen: Sollen sie als Zeugnisse der judenfeindlichen Vergangenheit ins Museum verbannt werden oder erst recht mahnend an ihrem Standort verbleiben, womöglich mit einer entsprechend kritischen Kommentierung? Seit Jahren betrifft dieser Streit besonders prominent die sogenannte “Wittenberger Judensau”. Wie unter anderem Berliner Zeitung und NZZ berichten, soll nun der Bundesgerichtshof entscheiden, ob das antijüdische Relief weiter an seinem Platz hängen darf. In den vorigen, landeseigenen Instanzen war eine entsprechende Klage gescheitert.

Doktortitel in der Krise

Die zahlreichen prominenten Fälle von Politikern, denen Plagiate in ihren Doktorarbeiten nachgewiesen wurden, sind nur die sichtbaren Anzeichen der grundsätzlichen Probleme des akademischen Betriebs. Zu diesem Schluss kommt die FAZ in einem Kommentar über systemische Mängel in der Annahme und Begleitung von Doktoranden an deutschen Universitäten. Eine organisatorische Anreizstruktur, die Fördermittel und Zuweisungen von der Anzahl, aber nicht von der Güte der Promtionen abhängig macht und die weitgehend alleinige Zuständigkeit des Doktorvaters oder der Doktormutter führten demnach zu immer mehr Dissertationen die bei genauerer Prüfung thematisch irrelevant, fachlich schwach oder im schlimmsten Fall wissenschaftlich unsauber seien.

Armut im Studium

Studieren in Deutschland bedeutet ein enormes persönliches Armutsrisiko. Nach aktuellen Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat fast jeder dritte Student weniger als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung und ist damit statistisch gesehen von Armut betroffen. Wie Deutschlandfunk Kultur, TAZ und andere Medien berichten, sind vor allem steigende Wohnkosten und Lebensmittelpreise ein Problem. Im Ergebnis trägt die prekäre finanzielle Lage im Studium weiter dazu bei, dass junge Menschen aus ärmeren und bildungsfernen Familien eine noch schlechtere Chance haben, durch Bildung einen sozialen Aufstieg zu schaffen. Studierendenverbände fordern daher eine Erhöhung der BaFöG-Sätze sowie die Umwandlung der staatlichen Hilfen vom derzeitigen Darlehenssystem in einen Vollzuschuss.

Kirche: Krise und Relevanz

Nicht nur die Kirche braucht Mitglieder, auch die Gesellschaft braucht nach wie vor die Kirche – davon ist Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands, überzeugt trotz sinkender Mitgliedszahlen und immer weniger allgemeinem Interesse an kirchlichen Botschaften. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie, als Christin komme man letztlich besser durch das Leben und vor allem durch Krisen. Gerade in politischen Spannungssituationen wie dem Krieg in der Ukraine, könne die Verkündigung der Kirche helfen, im moralischen Dilemma handlungsfähig zu bleiben.